IV und TU Austria: Technologiepolitik ist Standortpolitik

Österreich braucht bessere Rahmenbedingungen für Studium, Spitzenforschung und den Transfer von Forschung in Wertschöpfung. Die IV und die TU Austria-Universitäten benennen Herausforderungen und zeigen gemeinsame Lösungsansätze auf – die nicht zuletzt politisches Commitment verlangen.

Österreich und Europa stehen unter wachsendem Wettbewerbsdruck. Der globale Wettlauf um Talente und Schlüsseltechnologien entscheidet über Wohlstand und technologische Souveränität. Die Industriellenvereinigung (IV) und die TU Austria legen daher gemeinsame Vorschläge für ein leistungsfähiges, international wettbewerbsfähiges Hochschulsystem vor. Drei Ziele stehen im Mittelpunkt: mehr MINT-Talente gewinnen und halten, Exzellenz und Profilbildung der Universitäten stärken und Forschung durch Kooperation schneller in industrielle Wertschöpfung übersetzen.

„Im globalen Wettlauf um Schlüsseltechnologien müssen wir unsere Potenziale voll ausschöpfen. Unsere Unternehmen suchen weltweit nach exzellenten Forschungspartnern und finden sie bereits an Österreichs Hochschulen. Diese Stärke müssen wir ausbauen, indem Universitäten und Industrie noch enger zusammenarbeiten. Nur so kann Österreich in den Schlüsseltechnologien eine führende Rolle einnehmen und die Industrie weiterhin die Basis für unseren Wohlstand schaffen“, betont IV-Präsident Georg Knill.

„Die technischen Universitäten tragen ihren Teil dazu bei: mit klaren Profilen, exzellenter Forschung und den MINT-Absolventinnen und -Absolventen, die die Industrie dringend braucht. Damit Forschung schneller zu Innovation und Wertschöpfung wird, brauchen wir starke Partner in der Wirtschaft sowie politisches Commitment und finanzielle Planungssicherheit“, ergänzt TU Austria-Präsident Horst Bischof.

MINT-Fachkräfte aus dem In- und Ausland: Die zentrale Standortfrage

Technische Universitäten bilden hochqualifizierte Fachkräfte aus, entwickeln Schlüsseltechnologien und schaffen damit die Grundlage für Innovation. Gleichzeitig verschärft der demografische Wandel den Fachkräftemangel: In der Industrie fehlten zuletzt rund 40.000 Technikerinnen und Techniker. Drei von vier Industrieunternehmen melden Engpässe bei Hochqualifizierten, besonders in Technik, Produktion und IT. Bis 2030 entstehen zudem zehntausende zusätzliche MINT-Jobs in Schlüsseltechnologien. Gleichzeitig werden nur 64 % aller Studien prüfungsaktiv betrieben und die Studienabbruchsquote liegt bei technischen Studien bei rund 52 %.

Angesichts dessen braucht es eine durchgängige MINT-Offensive vom Kindergarten bis in die Forschungslabore und Unternehmen – mit dem Ziel, mehr Absolventinnen und Absolventen, mehr Praxisbezug und mehr Frauen in der Technik zu gewinnen. Wir können es uns nicht leisten, diese Talente zu verlieren, deshalb brauchen wir frühe, individuelle Studienberatung, die das Interesse an arbeitsmarktrelevanten Studien gezielt stärkt, verbindliche MINT-Praxistage, mehr Verbindlichkeit im Studium, auch durch eine Erhöhung der Mindeststudienleistung. Parallel richten die technischen Universitäten ihre Curricula enger an Zukunftskompetenzen aus – in strategischem Austausch mit Arbeitgebern und mit mehr Industriepraktika.

Ein zweiter Schlüsselfaktor sind internationale Talente. Rund ein Viertel der Studierenden in Österreich kommt aus dem Ausland; in technischen Master- und Doktoratsprogrammen ist der Anteil oft deutlich höher. IV-Präsident Georg Knill: „Die schnellste Antwort auf den Fachkräftemangel sind internationale Talente, die bereits bei uns studieren. Wer hier ausgebildet wird, soll hier auch arbeiten und Wertschöpfung schaffen können. Dafür braucht es rasche Anerkennung internationaler Ausbildungen und Qualifikationen, klare Arbeitsmarktzugänge und echte Bleibeanreize.“

Die TU Austria als strategischer Erfolgs- und Wertschöpfungsfaktor

Technische Universitäten sind der Hebel für Österreichs Zukunftsstrategien. Die Industriestrategie Österreich 2035 der Bundesregierung setzt auf Exzellenz, Innovation, Digitalisierung und Fachkräftesicherung in Schlüsseltechnologien. Die Hochschulstrategie 2040 bietet die Chance, diese Ziele stärker zu verzahnen und die technischen Universitäten als Schlüsselinstitutionen eines leistungsfähigen Innovationsökosystems zu positionieren.

Wie stark ihr Beitrag ist, zeigt die aktuelle Studie zur Volkswirtschaftlichen Bedeutung der TU Austria des Economica Instituts mit Zahlen des Jahres 2025: Der jährliche totale Wertschöpfungseffekt der TU Austria-Universitäten beträgt demnach 1,86 Milliarden Euro; bezieht man die Investitionen und Beteiligungen der TU Austria mit ein, erhöht sich die Wertschöpfung sogar auf 2 Milliarden Euro. Für jeden Euro an wirtschaftlicher Wertschöpfung durch die TU Austria entstehen weitere 36 Cent Wertschöpfung in der übrigen Wirtschaft. Rund 26.000 Arbeitsplätze hängen unmittelbar und mittelbar mit den TU Austria-Universitäten zusammen, mit einem Lohn- und Gehaltseffekt von über 1 Milliarde Euro, der sich entsprechend positiv auf die heimische Kaufkraft auswirkt. Das Steuer- und Abgabenaufkommen liegt bei 619 Millionen Euro. Der totale Wertschöpfungseffekt der Unternehmensbeteiligungen der TU Austria beträgt 430 Millionen Euro (2019: 180 Millionen Euro) bei 5.235 Beschäftigten in den Beteiligungen (2019: 989 Beschäftigte).

„Die Studienergebnisse belegen auch für den neuesten Datenjahrgang das enorme wissenschafts- und innovationspolitische Gewicht der originären und assoziierten Mitglieder der TU Austria. In besonderer Weise hat sich zwischen 2019 und 2025 zudem der standortpolitisch relevante Wertschöpfungs- und Beschäftigungsbeitrag ihres Beteiligungsportfolios vervielfacht“, betont Studienautor Christian Helmenstein vom Economica Institut für Wirtschaftsforschung.

Forschung schneller in Wertschöpfung übersetzen

Die Innovationsleistung der Universitäten ist messbar: Fast drei Viertel (74 %) aller akademischen Patentanmeldungen im Zeitraum 2000 bis 2025 gehen auf die Universitäten zurück. Bei der Kommerzialisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse fällt Österreich derzeit aber noch zurück. Um wissenschaftliche Exzellenz schneller in Wertschöpfung zu übersetzen, wollen IV und TU Austria die Scale-up-Lücke schließen und ihre Kooperationen mit Industrieleitbetrieben massiv forcieren. Zwischen Forschungserfolg, Ausgründung und internationalem Wachstum fehlt es an kapital- und strukturstarken Brücken.

TU Austria-Präsident Horst Bischof betont: „Die TU Austria-Universitäten schaffen bereits heute gezielt Voraussetzungen für erfolgreiche universitäre Ausgründungen: Über die Transfergesellschaft Innovation Hub Graz werden akademische Spitzen-Spin-offs investor-ready gemacht, über die Beteiligung der TU Austria-Universitäten an der Fondsgesellschaft Noctua Science Ventures GmbH erhalten universitäre Start-ups Zugang zu privatem Kapital.“ Profilbildung und Exzellenz eröffnen Hochschulen die Türe zu Kooperationen mit Unternehmen und zum Aufbau von Innovationsökosystemen aus Wissenschaft und Wirtschaft. „Wir bauen die bestehenden Kooperationen mit Leitbetrieben aus und werden in Zukunft auch proaktiv auf die Unternehmen zugehen“, so Bischof abschließend.

Zentral ist außerdem der in der Industriestrategie 2035 angekündigte Dachfonds für Start-ups und Scale-ups, der rasch und nach internationalem Vorbild umgesetzt werden muss. Für einen schnelleren Technologietransfer braucht es zudem klare, investorenfreundliche Verwertungs- und IP-Regeln, einfachen Zugang zu universitärer Infrastruktur für Unternehmen, stärker kooperierende Transfereinrichtungen sowie One-Stop-Shops für die Industrie und Strategic Advisory Boards mit Industriepartnern.

Verantwortung für einen führenden Technologie- und Wissenschaftsstandort

Auf europäischer Ebene soll die Bundesregierung ein ambitioniertes, eigenständiges Horizon Europe mit einem klar abgegrenzten Budget und einer gestärkten kollaborativen Säule 2 unterstützen.

„Die technischen Universitäten übernehmen Verantwortung – mit klaren Zielen und messbaren Meilensteinen. Die Hochschulstrategie 2040 und ein ambitioniertes, eigenständiges europäisches Forschungsrahmenprogramm müssen uns dabei den Rahmen geben, damit wir Exzellenz, Talente und Transfer auf die nächste Stufe heben können“, erklärt TU Austria-Präsident Horst Bischof.

„Österreich hat das Potenzial, in den Schlüsseltechnologien vorne mitzuspielen. Dafür müssen wir unsere Stärken noch konsequenter verbinden: mit starken Partnerschaften zwischen Universitäten und Unternehmen und einer entschlossenen Umsetzung der Industriestrategie 2035. Jetzt braucht es das politische Commitment, um Österreichs Innovationskraft langfristig abzusichern“, so IV-Präsident Georg Knill abschließend.

v.l.n.r.: Christian Helmenstein (Economica Institut für Wirtschaftsforschung), Horst Bischof, Präsident der TU Austria und Rektor der TU Graz, Eva Schulev-Steindl (Rektorin der BOKU University), Peter Moser, Rektor der Montanuniversität Leoben und Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung. Foto: © Industriellenvereinigung/APA-Fotoservice/Richard Tanzer

zurück